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Gedenkrede des CWW-Vorstandsvorsitzenden zum Volkstrauertag

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Gedenkrede des CWW-Vorstandsvorsitzenden
Karl-Heinz Vogt zum Volkstrauertag

Zum Volkstrauertag hat der CWW-Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Vogt am 13. November bei der zentralen Warburger Veranstaltung auf dem Burgfriedhof die Gedenkrede gehalten. Diese dokumentieren wir im Folgenden:

An vielen Orten wird heute all der Menschen gedacht, die im 20. Jahrhundert durch Krieg und Vertreibung, durch Gewalt und Gewaltherrschaft ihr Leben lassen muss-ten. Und wir gedenken derer, die wegen ihrer Überzeugung, Religion oder Rasse verfolgt, geschunden und ermordet wurden.

„Weil die Toten schweigen, beginnt immer wieder alles von vorn“, hat der französi-sche Philosoph Gabriel Marcel geschrieben. Damit die Toten nicht schweigen, damit wir ihre Stimmen hören, haben wir den Volkstrauertag. „Was sollen wir tun? Wir leben schon seit Jahren und Jahrzehnten in einem Land ohne Krieg. Mitten im „dicksten Zivilleben“ wie es in Wolfgang Borcherts Theaterstück „Draußen vor der Tür“ heißt. „Mitten im dicksten Zivilleben“ also. Und wirklich ohne Krieg ?

Als junger Mann und später als Wehrpflichtiger habe ich oft an diesem Tag das Ge-spräch mit meinem Großvater und meinem Vater, die beide in den Weltkriegen wa-ren, gesucht. Sie waren nicht sehr gesprächsbereit, wenn es um die eigenen Erfah-rungen vor, während und nach den beiden Weltkriegen ging. Vor ein paar Wochen erzählte mir ein Politiker wie sehr ihm der Schrei eines Jungen anlässlich der Trauerfeier für seinen Vater nachging. Der Vater war kurz zuvor in Afghanistan gefallen.Heute ist ein Tag und ein Anlass, an dem ich froh wäre, wenn mir auch bei längerem Nachdenken kein aktueller Bezug, kein Ereignis aus jüngster Zeit einfiele, über das ich sprechen könnte.

Aber leider ist es nicht so.

Seit mehr als 10 Jahren ist Deutschland wieder im Kriegseinsatz. Wir erinnern uns an die Worte eines ehemaligen Verteidigungsministers: Deutschland wird am Hindukusch verteidigt. Derzeit sind 6.800 Männer und Frauen der Bundeswehr im Auslandseinsatz. In Afghanistan, Somalia, Bosnien-Herzegowina und dem Kosovo. Soldaten die ihr Leben für unser Vaterland einsetzen. Sie haben ein Recht darauf, dass die Bevölkerung sie bei ihren gefährlichen Einsätzen nicht vergisst. Fragen wir uns, wie es Angehörigen geht, wenn sie von einem Anschlag hören und sehn-süchtig auf eine Antwort warten. Das sind keine abenteuerlichen Männer und Frauen. Vielmehr haben sie ein Mandat der Vertretung des Deutschen Volkes er-halten. Dafür riskieren sie ihr Leben. So wie unsere Mütter und Väter in den Weltkriegen auch. Diese Männer und Frauen brauchen unsere Solidarität. Für sie ist es ein schlimmes Gefühl, wenn in der Heimat Desinteresse spürbar wird. Sie brauchen unsere Verbundenheit und unseren Respekt.

Jedes Jahr verlieren Bundeswehrsoldaten bei diesen Einsätzen ihr Leben. Seit 1992 bis heute sind weit mehr als 100 Tote zu beklagen. An sie denken wir heute ganz besonders. Aus dem reinen Erinnern der 60er, 70er und 80er Jahre wurde ein realistisches Heute von Krieg, Gewalt, Hunger und Verfolgung. Wenn ich heute mit jungen Menschen über den Volkstrauertag spreche, müssen und wollen sie sich der Realität stellen. Vor allem wird Trauer nicht nur so gesehen, das diese ausschließlich rückwärtsgewandt, im Sinn von Erinnern verstanden wird. Nein, die Menschen spüren, dass die Abläufe des Weltgeschehens dramatische Ausmaße angenommen haben. Digitalisierung und Geschwindigkeit versetzen uns in eine neue Dimension, Krieg oder Frieden zu erleben. Jeden Abend erfahren wir von den Krisenherden. Wir sehen und spüren die Ungleichgewichte quer über die Kontinente. Das Mühen oder Verhindern von Politik. Die vielen Menschen, die unverschuldet sterben oder leiden. Es sind viele ungerechte Strukturen weltweit erkennbar. Neben den angesprochenen Kriegen sind es Hungersnöte – die wohl größte aller Zeiten tobt derzeit am Horn von Afrika. Da sind die Fragen um den Aufbruch in der arabischen Welt und deren Überwindung von Diktaturen. Und zunehmend führen Verschiebungen zwischen Arm und Reich zu sozialen Brennpunkten und Unruhen, die wohl vor keinem Land halt machen.

Mehr als 60 Jahre Frieden im eigenen Land werden so von der Erfahrung geprägt, dass Frieden ständig neu erarbeitet, gelebt und behütet werden muss. In einer frei-heitlichen Demokratie muss Friede Leitkultur der Gesellschaft sein. Heutige und zukünftige Bedrohungen begrenzen sich nicht mehr allein auf Landesgrenzen oder auf Machtansprüche narzisstischen Gedankengutes oder religiöser Weltanschauungen. Vielmehr werden sie von Nahrungs- und Wasserknappheit, sich verringernden Energieressourcen und intoleranten Ideologien genährt.

„Gewalt hat immer eine Chance wo das Leid zu Hause ist“. Das gilt für benachteiligte Kulturkreise, aber auch schon für die kleinste Zelle der Gesellschaft, die Familie. Wer Unterdrückung, Wertlosigkeit, Demütigung, Lieblosigkeit oder Armut kennengelernt hat, ist anfällig für Gewalt und Krieg. Wie groß die Gefahr durch verharmlosendes Kriegsspielzeug auch am Computer ist, wurde erforscht und ist bekannt.

Und welche verheerende Wirkung die eigene Rüstungsmaschinerie auf lüsterne Kriegstreiber in dieser Welt hat, muss uns mehr als klar sein. Wie viel Elend lösen Landminen aus. Was nutzt es, wenn gar die Militärs für den Verzicht von Landmi-nen sind. Sie werden weiter produziert, gekauft und eingesetzt. Diese Handlungsweise ist menschenverachtend. Es sind vorwiegend spielende Kinder, die später umkommen oder verstümmelt werden. Nein, die Interessen gelten rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten. Und sie gehen von den Industriestaaten aus. Wenn Oberflächlichkeit im Umgang mit der eigenen Rüstungsindustrie zu eigenem Schrecken führt, dann ist das nicht nur verantwortungslos, dann ist das ohne jede Ethik und Moral, auch gegenüber dem eigenen Volk.

Ich wünsche mir im Großen wie im Kleinen, das Augenmerk wieder auf mehr Her-zenswärme, Respekt vor den Mitmenschen, qualifizierten Schul- und Geschichtsunterricht und verantwortungsbewusste Unternehmen zu legen, die ausbilden und Dauerarbeitsverträge anbieten. Die älteren Menschen ebenso wie Hilfskräften Arbeitsangebote vorlegen, die sozialen Frieden fördern. Und vor allem wünsche ich mir in der heutigen Zeit, dass reiche Kulturen wie Deutschland sich mehr auf ihre Verantwortung für die Welt besinnen. Damit ist nicht immer nur die Zahlung von Geld gemeint. Im Gegenteil: So wie die Erziehung unserer Kinder eine klare Ordnung und Regeln braucht, gilt dies auch für Gesellschaften und deren Finanz- und Wirtschaftsmärkte. So können die Welt- und Wirtschaftskriege und das damit verbundene Leid vermieden werden.

Gerade die letzten zehn Jahre mit dem Irak und Afghanistan sowie den Weltwirt-schaftskrisen haben uns vor Augen geführt, „dass wir einen dringlichen Bedarf an neuen, pazifistischen Initiativen mit die Welt umspannenden Ordnungs- und Gerechtigkeitsanspruch haben.“ So aus einem Friedensappell der Gemeinschaft SantÈgidio anlässlich eines Treffens im September diesen Jahres in München, in dem die Verdienste dieser Initiative für ihr weltweites Engagement für einen Dialog zwischen den Kulturen und Religionen gewürdigt wurden.

Alle Menschen, egal welcher Religion oder Hautfarbe, wissen: Gewalt kann nie wirklich durch Gewalt beendet werden. Genau darum ging es auch in einer anderen Friedensinitiative aus dem Jahre 2001. Sie wurde auf Initiative des Ökumenischen Rates der Kirchen als weltweite Bewegung ausgerufen. Am Ende stand die Internationale ökumenische Friedenskonvokation mit tausend Teilnehmerinnen und Teilnehmern auf Jamaika im Jahr 2011 mit einem Aufruf zu gerechtem Frieden. Besonders der enge Zusammenhang zwischen der Friedens- und Gerechtigkeitsfrage wurde in die Welt getragen.

Oder: Denken wir an die gewaltlosen Leipziger Friedensgebete und Montagsde-monstrationen und was sie bewirkt haben. Ein wiedervereintes Volk. Mit dem einla-denden Glockengeläut erkannten die Menschen ihre gemeinsame Kraft sich zu ver-sammeln, um sich auf einen friedlichen Weg zu machen.

Eine für mich bemerkenswerte Friedensinitiative kommt seit vier Wochen aus Deutschland. Da wurde in Dresden ein militärhistorisches Museum eröffnet. Bemer-kenswert auch deshalb, weil es die Bundeswehr ist, die dieses Museum führt. Die Soldaten haben eindrückliche Bilder geschaffen, um das ganze Leid und die Not von Kriegen aufzuzeigen. Schonungslos werden wir in unserem friedlichen Land mit der Realität an so vielen Plätzen der Welt und unserer Beteiligung konfrontiert. Pädagogisch überaus wertvoll. Auch hier geht die Information/Betroffenheit weit über das Erinnern hinaus, sie trifft unser Zivilleben im Kern. Wir dürfen stolz darauf sein in einem freiheitlich demokratischen Staat zu leben, in dem die Institution Armee selbst über die Schrecken von Krieg und Vertreibung berichtet. Das ist vom Grunde auf verstandener Friedensdienst im Sinne des Grundgesetzes. Ich kenne keine Armee der Welt und auch keinen Staat, in dem derartiges geschieht oder gar denkbar wäre.

Friede muss ständig neu erarbeitet, gelebt und behütet werden. Im Kleinen, in den Familien wie im Grossen, unter den Völkern. So hilft das Gedenken des heutigen Tages und das Bewusstsein um die Welt von heute als Volk und als Staat jedem Einzelnen von uns, die grundgesetzlich verankerte Leitkultur des Friedens täglich neu beginnend zu leben. Der Frieden hat immer da eine Chance, wo Menschen nicht müde werden, gewaltfrei für ihn einzustehen.

Berichte der beiden Tageszeitungen über die Gedenkrede sind in unserem Pressespiegel zu finden.